“Gut” und “Böse” im Balkankrieg

Die Serben waren im Balkankrieg sicher nicht die “Guten”.

Das waren die anderen Kriegsparteien jedoch auch nicht.

Der Zusammenbruch des Kommunismus hinterließ ein Machtvakuum, das die Entstehung von neuen Nationalstaaten begünstigte.

Die “nationale Souveränität” ist ein nachvollziehbares Bedürfnis, auch wenn “echte Unabhängigkeit” oft nur ein Illusion bleibt, und Abhängigkeiten lediglich getauscht werden.

In ethnisch einheitlichen Gebieten stellte die staatliche Neugestaltung kein großes Problem dar. Die Unabhängigkeit von Teilrepubliken, die aus den verschiedensten Gründen ethnisch nicht einheitlich waren, führte hingegen naturgemäß zu schweren Konflikten.

 

Solche Auseinandersetzungen kennen kein „Gut“ und „Böse“.

Wenn die Teilrepublik ihre nationale Unabhängigkeit erhält, wieso sollte nicht dasselbe Recht auch der ethnischen Minderheit zustehen?

Verfügt die Minderheit über die entsprechende Durchsetzungskraft (idealerweise einen schon bestehenden Nationalstaat mit dem sie sich vereinigen kann) ist eine Auseinandersetzung die fast logische Konsequenz.

Jeder kann von seinem Gesichtspunkt aus im Recht sein.

Erst im Zuge der Auseinandersetzungen geschahen Verbrechen wie Vertreibungen und ethnische Säuberungen.

Der 2. Weltkrieg war hingegen ein ideologischer Konflikt, der anschließende kalte Krieg gegen den Kommunismus ebenso.

Die Absetzung der Taliban und Saddam Husseins fanden im Rahmen der von der USA geführeten “War on Terror” statt. Korrekter wäre freilich die Bezeichnung “Krieg gegen islamistische Terroristen und deren Förderer”

Der Konflikt zwischen Juden und Arabern um Israel war hingegen ursprünglich nicht ideologisch, sondern ähnlich wie der Zypern-Konflikt oder der Kaschmir-Konflikt ein nationaler Konflikt.

Erst seit der islamischen Revolution im Iran ist der Nahost-Konflikt auch ein ideologischer geworden.

Im Fall Jugoslawiens wurde ein “ethnischer Konflikt” als “ideologischer Konflikt” mißverstanden.

Die Serben wurden zunächst noch als “Panzerkommunisten” bezeichnet. Bald wurden sie sogar als neue “Nazis” bzw. “Ultranationalisten” gebrandmarkt.

Ohne Notwendigkeit wurde der kroatische Staat einseitig anerkannt, wodurch der ethnische Konflikt wesentlich potenziert wurde.

Die europäischen Staaten unterstützten zwar vehement die kroatische und später die bosnische bzw. kosovarische Seite, waren jedoch nicht bereit, den Konflikt aktiv – sprich mit militärischen Mitteln - zu beenden. Daher mussten sie die serbische Seite immer stärker dämonisieren, um den Weltpolizisten USA zum Eingreifen zu bewegen.

Die Darstellung, nach der die Serben dabei waren, aus ideologischen Gründen einen Völkermord zu begehen, führte jedoch auch dazu, dass sich Muslime - trotz der Parteinahme des Westens zu ihren Gunsten - als Opfer sahen.

So wurde statt Dankbarkeit ein Aufflammen des weltweiten Jihads geerntet.

Die Amerikaner hatten zwar die militärische Initiative im Jugoslawienkrieg ergriffen – die Sichtweise auf den Konflikt war jedoch von Europa vorgegeben worden. Gerade die ehemaligen Verlierer aus den beiden Weltkriegen – Deutschland und Österreich – hatten sich mit ihrer neuen alten antiserbischen Sichtweise durchgesetzt.

Wirtschaftliche Interessen spielten zwar bei der Anerkennung der neuen Staaten eine starke Rolle – entscheidend war jedoch auch die eigene moralische Entlastung, indem man die Serben zu den “neuen Nazis” und Milosevic zum neuen “Hitler” stilisierte.

Die antiserbische Sichtweise wurde zwar zum europäischen Meinungs-Mainstream, die Verantwortung für die miltärische Initiative überließ man jedoch gerne den USA. Das neue Deutschland sollte nicht nur von seiner alten Schuld befreit werden, sondern durch die eigene Geschichte und “die Lehren, die man daraus gezogen hatte”, zum wahren Vertreter des Pazifismus erhöht werden. Dieses neue Selbstverständnis zeigte sich später im vollen Ausmaß bei der Ablehnung des Irak-Kriegs.

Opfer der ethnischen Säuberungen im Jugoslawienkrieg war die muslimische Bevölkerung in Bosnien und im Kosovo. Durch die Stilisierung der im Rahmen des Konflikts geschehenen Übergriffe zu Völkermord wurde jedoch das Eingreifen gegen die Serben als Selbstverständlichkeit angesehen.

Um den militärischen Einsatz im Kosovokonflikt zu rechtfertigen, hatten Amerikaner, Engländer und Deutsche Opferzahlen von 100.000 genannt, die sich mittlerweile als völlig überzogen erwiesen haben. (heute wird vom internationalen UN Kriegsverbrechertribunal in Den Haag von Zahlen bis zu 10.000 auf beiden Seiten ausgegangen)

In den westlichen Medien wurden diese Zahlen jedoch nie revidiert – ganz zu schweigen von der islamischen Welt.

So führte die Parteinahme des Westens lediglich im Kosovo zu einer gewissen Dankbarkeit.

Obwohl man dort später eine Militärbasis errichtete, ist der Kosovo im Grunde für Amerika von keinerlei strategischer Bedeutung.

Wirtschaftlich schwache Länder wie Albanien hätten die Amerikaner jederzeit mit offenen Armen empfangen. Trotz Antiamerikanismus hat sich auch in Deutschland die Freude über die jüngste Schließung von US Basen auf Grund der damit verbundenen wirtschaftlichen Nachteile sehr in Grenzen gehalten.

Durch die in Bosnien und im Kosovo geschaffenen Verhältnisse schuf die Clinton Administration jedoch eine Situation, die früher oder später wieder zum Konflikt mit tatsächlichen potenziellen strategischen Partnern, nämlich Serbien und vor allem dem wieder erstarkten Russland führen musste.

Das heutige Russland ist wirtschaftlich fest mit dem Westen verwoben – den dadurch gewonnenen Wohlstand wird man nicht leichtfertig aufgeben. Außerdem hat man selbst genug mit nach Unabhängigkeit strebenden Minderheiten zu kämpfen. Aus demselben Grund verzichtet sogar China – trotz der Chance auf eine US Erniedrigung - darauf,  Südossetien und Abchasien anzuerkennen.

Gute Beziehungen zu Russland sind notwendig. Eine Neuauflage des kalten Krieges für keine Seite wünschenswert. Putin hat dem Land viel Stabilität gebracht. Ein echter Partner kann Russland aber nur als demokratischer Verfassungsstaat sein. Davon hat man sich leider unter Putin mehr entfernt als genähert, auch wenn Gerhard Schröder gerne das Gegenteil behauptet.

Der Konflikt um Abchasien und Südossetien ist kein ideologischer. Das Eingreifen ist ein Luxus, den sich Russland als wiedererstarkte Weltmacht leistet.

Will man Russland dieses Vorgehen vorwerfen, ist das eigene einseitige Vorgehen im Jugoslawienkonflikt eine belastende Hypothek.

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11 Antworten zu „“Gut” und “Böse” im Balkankrieg“

  1. Alreech sagt:

    Die Absetzung von Saddam Hussein kann man auch als verspätete Folge des Golfkriegs von 1991 sehen. Damals wurde Saddam nicht gestürzt, sondern der Irak mit Sanktionen belegt und US-Truppen in den umliegenden Ländern stationiert.
    Das Problem Saddam wurde damit nur eingedämmt, aber nicht gelöst. Und solange Saddam an der macht gewesen ist gab es auch keine Alternative zu den Truppenstationierungen und Sanktionen.
    Saddam und sein Regiem 2003 zu stürzen ist in dieser hinsicht ein verspätete Aktion.

    Ähnlich sieht es mit dem Sturz der Taliban aus. Hier wurde einseitig eine Bürgerkriegspartei unterstützt, um die andere Partei (die Taliban) für ihr Verhalten zu bestrafen.
    Die Taliban hatten Osama Bin Laden Unterschlupf gewährt, einem Mann der dazu aufgerufen hat in aller Welt US-Amerikaner anzugreifen.
    Um diesen Vorgang zu bewerten darf man ebenfalls nicht in ein Gut & Böse Schema verfallen, wie es viele Kritiker der Krieg in Afghanistan & Irak tun.

    Nach den Terroranschläge von Ostafrika und vom 11. September hätte keine Regierung sich gegenüber Saddam oder den Taliban anders verhalten.
    Würde z.B. der Dalai Lama dazu aufrufen in aller Welt Anschläge gegen Chinensen zu unternehmen, und bei einem Anschlag in Shanghei würde es mehrere tausend Tote geben würde sich die Chinesische Regierung nicht viel Anders gegenüber Ländern verhalten, die sich weigern den Dalai Lama auszuliefern.

    Ob man das nun ethisch für gerechtfertigt hält, zumindest sorgt das dafür das sich Regierungen bei der Förderung ausländischer Terrorgruppen zurückhalten.

  2. Merci Sarkozy « Aron Sperber sagt:

    [...] aber trotzdem nichts mehr an den bitteren Vorwürfen der islamischen Welt geändert hätte (siehe Bosnien). Like this:LikeSei der Erste, dem dieser post [...]

  3. Die 10 Jahre vor 9/11 « Aron Sperber sagt:

    [...] mischte sich die USA unter der Clinton-Administration in zwei europäische Bürgerkriege auf Seiten der muslimischen Bevölkerung [...]

  4. Die Schmeißfliegen des Dschihad « Aron Sperber sagt:

    [...] Was dann aber trotzdem nichts mehr an den bitteren Vorwürfen der islamischen Welt geändert hätte (siehe Bosnien). [...]

  5. Die Rückkehr der Friedens-Präsidenten « Aron Sperber sagt:

    [...] Was dann aber trotzdem nichts mehr an den bitteren Vorwürfen der islamischen Welt geändert hätte (siehe Bosnien). [...]

  6. besucher sagt:

    Ich empfehle mal diesen Artikel zu lesen:

    http://www.aikor.de/Artikel/rahasibu.htm

    Dort wird gezeigt wie die Amselfeld-Rede in einen großserbischen Kontext umgedeutet wird.

  7. Tükei ruft nach der Weltpolizei « Aron Sperber sagt:

    [...] konnte man auch am Balkan [...]

  8. Die Jahre vor 9/11 « Aron Sperber sagt:

    [...] Balkan mischte sich die USA in zwei europäische Bürgerkriege auf Seiten der muslimischen Bevölkerung [...]

  9. Assad und der Dschihad « Aron Sperber sagt:

    [...] … was jedoch trotzdem nichts mehr an den bitteren Vorwürfen der islamischen Welt geändert hätte (siehe Bosnien). [...]

  10. Aron Sperber sagt:

    [...] Was dann aber trotzdem nichts mehr an den bitteren Vorwürfen der islamischen Welt geändert hätte (siehe Bosnien). [...]

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