Der libysche Übergangsrat hat die Bildung religiöser Parteien verboten. Auch Parteien, die bestimmte Volksgruppen, Regionen oder Stämme repräsentieren wollen, werden nicht zugelassen. In Libyen soll am 19. Juni zum ersten Mal gewählt werden. Wie der Übergangsrat weiter mitteilte, soll das Justizministerium demnächst mit der Registrierung der Parteien beginnen.
Wie die Entwicklung in Libyen weitergehen wird, kann natürlich trotzdem niemand voraussagen (außer man hält sich wie PSL für einen Propheten).
Zumindest der libysche Übergangsrat scheint jedoch unsere westlichen Vorstellungen einer säkularen Demokratie zu teilen.
In Libyen wurde der Krieg gegen den Tyrannen dank Sarkozys beherztem Einsatz rasch beendet.
In Syrien überlässt man den Kampf gegen den Tyrannen den Dschihadisten.
Folglich werden auch die Dschihadisten bestimmen, wie das politische System aussehen wird, sofern es ihnen gelingt, den Tyrannen zu stürzen.
Jürgen Todenhöfer und Jürgen Elsässer hatten über die Revolutionen in Ägypten und Tunesien jubiliert, obwohl die Zukunft um nichts sicherer war als in Libyen und Syrien.
Ausgerechnet bei der Absetzung von Tyrannen wie Gaddafi und Assad wurde jedoch Besorgnis über eine “islamistische Zukunft” oder die “Verfolgung der christlichen Minderheit” geheuchelt.
Schlagwörter: Jürgen Elsässer, Jürgen Todenhöfer
April 25, 2012 um 11:06 nachmittags |
??? ???
April 26, 2012 um 6:08 vormittags |
@Besucher
verwundert über die Entwicklung in Libyen?
April 26, 2012 um 11:03 vormittags |
Nee, über die Äpfel- und Birnenvergleiche.
Die Geschichte hat gezeigt dass man säkulare Systeme nur in Staaten mit einer eindeutig dominierenden Mehrheitsreligion einführen kann (Frankreich -> Katholizismus, Türkei -> Sunni-Islam)
Und dann kommen Sie mit Syrien…
April 26, 2012 um 3:16 nachmittags |
Deutschland?
Schweiz?
USA?
Kanada?
Indien?
Japan?
April 26, 2012 um 5:46 nachmittags |
ich meinte laizistische…Deutschland ist kein laizistischer Staat, hier gelten die Gesetze vom Reichsdepuationshauptschluss 1803.
In den USA sind 99% der Bevölkerung nominell Christen, dito Kanada.
In Indien gibt es eine überlegene Hindumehrheit.
April 26, 2012 um 7:01 nachmittags |
Sagen wir mal die Theorie von Besucher sei richtig. Syrien hat 75% sunnitische Muslime. Das ist eine gewaltige Mehrheit. Nach der Theorie von Besucher müsste Syrien also ideal sein für Laizismus. Libyen sowieso.
Ich sehe allerdings nicht warum eine Mehrheitsreligion Voraussetzung sein sollte für ein säkulares System. Eher das Gegenteil ist der Fall. Eine stark dominierende Mehrheitsreligion lässt sich nur schwer in ein säkulares System pressen. Als Beispiel sei hier die Türkei genannt. Der Islam kommt wieder massiv zurück. Atatürks Reformen werden wieder zurückgedreht.
„Die Geschichte hat gezeigt“ ist in diesem Fall ein Fehlschluss. Es gab in der Geschichte einfach viel mehr Staatswesen in denen eine Religion vorherrschte. Multi-Kulti gibt es noch nicht so lang. Multi-Religio sowieso nicht. Das ist so ähnlich wie wenn man sich 1775 hinstellt und sagt: „Die Geschichte hat gezeigt, dass eine Demokratie nicht möglich ist“. Oder 1491: „Die Geschichte hat gezeigt, dass es keine gute Idee ist mit dem Schiff gen Westen zu schippern.“ Irgendwann ist immer das erste Mal.
China zum Beispiel ist ein ziemlich laizistischer Staat mit vielen Religionen. Und das nicht erst seit dem Kommunismus. Allerdings würde ich daraus nicht schließen, dass Libyen oder Syrien demnächst laizistisch werden. Da teile ich die Skepsis von Besucher.
April 26, 2012 um 7:06 nachmittags |
Die Aussage der Libyer der Übergangsrat habe die Bildung religiöser Parteien verboten ist ein bisschen arg nichtssagend. Dann müsste ja jede libysche Partei verboten werden. Oder gibt es dort eine Partei namens Libysche Atheisten? Wohl kaum. Die Libyer sind zu fast 99% Muslime. Und die meisten Leute dort nehmen ihren Religions-Schnickschnack sehr ernst. In allen libyschen Parteien wird Religion also eine wichtige Rolle spielen. Der Übergangsrat wird mit dieser Formulierung vielleicht Muslimbrüder-artige Gebilde auf dem Kicker haben. Wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, ist es einfach eine Ausrede alles zu verbieten, was nicht genehm ist. Man wird in ein paar Monaten bzw. Jahren sehen wie „laizistisch“ Libyen wirklich wird. Ich bin da sehr wiegesagt eher skeptisch. Der Islam hatte bekanntlich noch keine Aufklärung.
Der Übergangsrat kann atatürk-mäßig vieles beschließen. Aber irgendwann kommt dann meist die religiöse Mehrheit vom Lande an die Macht und dreht die Geschichte wieder erdogan-mäßig zurück.
April 26, 2012 um 8:14 nachmittags |
Demnach haben die Libyer gute Aussichten, da ein Großteil der Bevölkerung in den Städten lebt.
April 26, 2012 um 7:43 nachmittags |
Libyen und Syrien waren ja unter Gaddafi und Assad ohnehin schon ziemlich laizistische Staaten.
die meisten Demokratien kommen auch ohne strengen Laizismus aus.
in islamischen Ländern, wo die Religion gleichzeit auch eine politische Ideologie darstellt, ist natürlich die Gefahr groß, dass die demokratischen Freiheiten gleich dazu mißbraucht werden, die Demokratie wieder abzuschaffen:
siehe Erdogan-Zitat:
http://aron2201sperber.wordpress.com/2009/12/04/fragwurdiges-plebiszit-notwendige-debatte/
klar kann man auf Dauer nicht gegen den Willen der Mehrheit ein demokratisches System aufrechterhalten.
wenn die klare Mehrheit der Europäer Faschismus haben will, wird sich auch bei uns wieder Faschismus durchsetzen:
http://klarelichtung.wordpress.com/2012/04/21/wissen-sie-denn-nicht-was-sie-tun/
gewisse Schranken aufzubauen, um die Demokratie zu schützen, ist allerdings legitim.
wie z.B. Parteien zu verbieten, die eine Demokratie mit Trennung von Staat und Religion, wie sie in praktisch allen Demokratien (auch ohne strengen Laizismus) besteht, erklärtermaßen abschaffen wollen.
April 27, 2012 um 12:22 nachmittags |
Libyen und Syrien “ziemlich” laizistisch?
Unter Gaddafi gab es die Scharia im Familien-, Erb- und Strafrecht, Polygamie war erlaubt, Ehebruch und homosexuelle Handlungen wurden mit Peitschenhieben bestraft. Ein Christ musste konvertieren, wenn er einen Muslim heiraten wollte. Christliche Missionierung war verboten, bei Apostasie folgte die Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Und auch in Touristenhotels galt das Alkoholverbot, das Einführen von Alkohol und Schweinefleisch war nicht gestattet.
Hoffenlich sorgt der Übergangsrat jetzt für zumindest ein bisschen mehr Säkularismus.
Auch in Syrien ist die Quelle der Gesetzgebung die Scharia. Für Christen ist es verboten, zu missionieren und Apostasie bei Muslimen wird bestraft. Polygamie ist erlaubt und ein Gesetz ermöglicht es Männern, die eine weibliche Verwandte getötet haben, der Bestrafung zu entkommen, falls die Tat während eines “spontanen Wutanfalls” geschah. Homosexualität ist ebenfalls verboten.
April 30, 2012 um 6:10 nachmittags
Gaddafi führte jene Teile der Scharia auf Druck der Religiösen ein.
Der Übergangsrat kontrolliert nicht einmal den Flughafen von Tripolis, der sich wie große Teile des Landes in der Hand irgendwelcher Milizen und Stammeskrieger befindet.
Den Ankündigungen des Übergangsrats darf man folglich kein sonderliches Gewicht beimessen.
April 27, 2012 um 12:37 vormittags |
Herr Aron Sperber halten sie hier Märchenstunde ab?
April 30, 2012 um 7:00 nachmittags |
@Dieter:
Auf welchem Druck auch immer, ändert ja nichts! Gaddafi war selbst sicher nicht laizistisch oder säkular. Seine Ideologie war eine Mischung aus Sozialismus und Islam. Viele seiner Aussagen klingen wie von bin Laden:
http://www.focus.de/politik/ausland/libyen_aid_112491.html
Der Übergangsrat verfügt sicher über beträchtliche Macht, auch wenn es noch viele unkontrollierte Milizen gibt. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Zukunft Libyens.
Der Flughafen von Tripolis wurde übrigens schon letzte Woche vom Übergangsrat übernommen:
http://www.handelsblatt.com/politik/international/libyen-im-umbruch-uebergangsregierung-nimmt-flughafen-tripolis-ein/6538180.html
Mai 1, 2012 um 12:35 nachmittags |
Gaddafi hatte nie eine Ideologie, jedenfalls war es Beobachtern zu keinem Zeitpunkt möglich, eine solche zu erkennen.
Gaddafi glaubte an sich selbst und an seine Unabdingbarkeit als Revolutionsführer. Seine Aussagen änderten sich je nach Wind- und Wetterlage. In den letzten Jahrzehnten eben in Richtung Islam.
Dass selbst der totalitäre und skrupellose Gaddafi dem Druck der Religiösen nachgeben musste, ist sehr wohl relevant. Es lässt vermuten, dass der schwache Übergangsrat, der ja selbst noch mehr Scharia angekündigt hat, diesem Druck von noch radikaleren Eiferern nicht standhalten können wird.
Es zeigt auch, dass der inner-westliche Geplänkel für oder gegen die Libyen-Intervention zwischen Neokonservativen, Anti-Imperialisten eine Zeitverschwendung ist.
Realismus ist angesagt.
Juli 15, 2012 um 5:47 nachmittags |
Die Elfenbeinküste nicht vergessen!Dort half Sarkozy seinem Freund an die Macht zu kommen.Nun herrschen dort Moslems die erst vor kurzem zur Arbeit eingwandert sind!
Hier gibts Fakten:
http://www.ivoireleaks.de