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Die Rückkehr der „Realpolitik“

August 25, 2009

Der große Welterklärer Peter Scholl-Latour fordert wieder einmal eine Rückkehr zur „Realpolitik“ ein, nachdem die naiven Neocons mit ihrem „Demokratie-Zirkus“ gescheitert seien.

Hält man seiner Forderung nach einem Abzug aus Afghanistan das Argument entgegen, dass die Al Qaida und die Taliban dann wieder ihre Terror- und Unterdrückungs-Basis erhielten, werden einem vom großen Welterklärer folgende Fragen (die er auch gleich selbst beantwortet) im empörten Ton entgegengeschleudert:

„Wer hat denn die Al Qaida erschaffen? Die Amerikaner, um die Sowjets im Afghanistankrieg zu bekämpfen.“

„Wer hat denn die Taliban erschaffen? Die Amerikaner, um den afghanischen Bürgerkrieg zu beenden.“

Weder Al Qaida noch die Taliban waren jedoch in irgendwelchen neokonservativen amerikanischen Labors gezüchtet worden, sondern die USA (zunächst die Carter-Administration und später die Clinton-Administration) hatte – den Weg des geringsten Widerstands suchend –  in idealtypisch „realpolitischer“ Manier das genommen, was gerade zur Verfügung stand, um ihre Ziele zu erreichen, ohne dabei einen einzigen Soldaten opfern zu müssen. (man hatte aus Vietnam die „richtigen“ Lehren gezogen)

Was könnte man besser als „Realpolitik” bezeichnen als diese indirekte Bekämpfung des sowjetischen Feinds durch die Unterstützung irgendwelcher dubioser Gruppierungen vor Ort (aus denen später tatsächlich die Al Qaida und die Taliban hervorwuchsen)

Carters Berater Zbigniew Brzezinski, heute im Obama-Team, ist immer noch mächtig stolz auf seine schlaue Politik von damals.

Wenn man seiner Narrative folgt, nach der durch seine genialen Pläne der Sturz des Kommunismus eingeleitet worden sein soll, erscheinen andere „realpolitische“ Meisterzüge wie die Operation Ajax, die angeblich nur eine läppische Million Dollar  gekostet haben soll, oder Kissingers Unterstützung von Pinnochets Putsch gegen Allende als kleine Würfe.

pinnochet

Bushs und Blairs hehre „neokonservative“ Ziele, den „edlen Wilden“, die „westliche Demokratie“ aufzuzwingen, mögen naiv gewesen sein – die „realpolitische” taktische Unterstützung der Mudschaheddin, aus denen später die Al Qaida hervorging (um ohne eigenes Blutvergießen die UdSSR zu bekämpfen) u. Taliban (um ohne eigenes Blutvergießen den Bürgerkrieg zu beenden) fallen jedoch eindeutig unter die Carter bzw. Clinton Ära.

Werden die USA unter Obama abziehen und das Feld den „gemäßigten Taliban” überlassen, wird natürlich auch nicht er schuld an ihrer wohl darauffolgenden Schreckensherrschaft sein, sondern der naive Bush und die verschlagenen Neocons bzw deren zukünftige Nachfolger.