Israelkritische Dialektik

„Einen Exiljuden gehe die österreichische Innenpolitik nichts an“

Diese Aussage des Vorarlberger FPÖ-Chefs war für die konservative Volkspartei ein Grund, die Koalition mit der FPÖ zu beenden..

Für den linksliberalen Profil-Journalisten Georg Hoffmann-Ostenhof war es hingegen ein Anlaß, HC Strache „auf den ersten Blick“ Recht zu geben:

„Wo Strache Recht hat – und warum sich Stockholm bei Jerusalem nicht entschuldigen muss.“

Während die Nachfolgepartei der Erfinder des „Antisemitismus“-Begriffs mittlerweile gesunde Reflexe gegen Antisemitismus entwickelt zu haben scheint, glaubt der ehemalige „Revolutionäre Marxist“ dem FPÖ-Parteichef HC Strache „eine Antwort schuldig“ zu sein:

„Bei aller Genugtuung ­darüber, dass der Vorarlberger Landeshauptmann und VP-Chef Herbert Sausgruber nun einer Koalition mit der Egger-Partei eine Absage erteilt, und bei aller Freude über die öffentliche Entrüstung muss dennoch auf die auf den ersten Blick stimmige Verteidigung Straches geantwortet werden.“

Wer ein Antisemit ist – bestimmt schließlich immer noch der 68er.

Der Vorliegen von Antisemitismus wird auf den „zweiten Blick“ dann doch festgestellt:

Exiljude“ mag per se nicht pejorativ sein. In Österreich und Deutschland ist aber, wenn es um Juden geht, nichts „per se“. Scheute man sich nach 1945 nicht mit gutem Grund, hierzulande überhaupt das Wort „Jude“ in den Mund zu nehmen? Da hieß es: „unsere jüdischen Mitbürger“ oder die „Österreicher mosaischen Glaubens“. Ein Echo aus jener Zeit, in der „Jude“ nicht nur als Schimpfwort galt: Er war schlicht ein Untermensch, und wer als solcher bezeichnet wurde, war dem Tode geweiht, wenn ihm die Flucht nicht gelang.

Eine Gefahr sei darin jedoch kaum zu erkennen:

Dass die FPÖ in Wahlkampfzeiten ganz bewusst mit rassistischen Slogans zu punkten versucht, ist klar. Dass aber, wie jetzt vielfach angenommen wird, Eggers Attacke auf den „Exiljuden“ Loewy klug kalkulierte Strategie war, um zum einen rechtsradikale Stammwähler zu mobilisieren und zum andern mittels dieser Provokation mediale Aufmerksamkeit und Präsenz zu erlangen, ist zu bezweifeln. Da dürfte eher stimmen, was Loewy meint: dass es „mit Egger durchgegangen ist“ und offenbar die dummen antisemitischen Affekte „ziemlich tief sitzen müssen“. Gegen die Annahme, Egger habe bloß strategisch gehandelt, spricht auch die Empirie: Wann immer die FPÖ in den vergangenen Jahren mit judenfeindlichen Äußerungen die Wähler verführen wollte, ging das schief. Antisemitismus mag in Österreich tief verwurzelt sein. Als politische Waffe ist er Gott sei Dank, wenn ihm offen und energisch entgegengetreten wird, stumpf geworden.

Genauso seien die Schweden trotz antisemitischer Ausfälle sowieso „sehr viel weniger antisemitisch“ als die Österreicher:

Schweden ist sicher sehr viel weniger antisemitisch als Österreich. Trotzdem herrscht zwischen Jerusalem und Stockholm seit vergangener Woche Eiszeit. Andeutungen und Spekulationen in einem Zeitungsbericht der Boulevardzeitung „Aftonbladet“, wonach israelische Soldaten Palästinenser getötet hätten, um ihnen Organe zu entnehmen, sorgen in Israel für Empörung. Die schwedische Öffentlichkeit interpretiert den Artikel – so wie die israelische – als antisemitische Verschwörungstheorie.

Ist man in marxistischer Dialektik geschult, kann einen selbst ein antisemitischer Ausfall eines Vorarlberger Provinz-Politikers  zu einer „berechtigten Israel-Kritik“ inspirieren:

Jerusalem aber will eine offizielle Entschuldigung aus Stockholm, was dort aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt wird: „Die Meinungsfreiheit gilt hier als sakrosankt – die Regierung wird den Artikel nicht verurteilen.“ Der Konflikt eskaliert: Man werde künftig bei allen Akkreditierungen von schwedischen Journalisten sorgfältig prüfen, „was sie oder er bisher über Israel geschrieben hat“, lässt nun die israelische ­Regierung verlauten.
Damit aber wird erst so recht klar, worum es dieser wirklich geht: Benjamin Netanjahu und seine Minister haben den obskuren Boulevardartikel hochgespielt, um mit dem Antisemitismus-Vorwurf die kritische Berichterstattung der schwedischen Medien über die israelische Politik zurückzudrängen. Das wird wohl nicht gelingen.

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6 Antworten to “Israelkritische Dialektik”

  1. lindwurm Says:

    Schweden „sehr viel weniger antisemitisch als Österreich“? Der Mann hat keine Ahnuhng.

    • aron2201sperber Says:

      ein Lindwurm-Posting ist immer eine große Ehre 🙂

      die Schweden haben nicht die lange antisemitische Tradition wie Österreich – Lueger war kein Schwede, Hitler auch nicht…

      Antisemitismus im Sinne von Fremdenfeindlichkeit gab und gibt es in Schweden sicher weniger als in Österreich.

      Antisemitismus im Sinne einer paranoiden Weltanschauung dürfte ist in Schweden jedoch ziemlich verbreitet sein. (leider ähnlich wie in Italien, wo ich die Situation viel besser kenne)

      heute redet zwar niemand mehr vom „jüdischen Charakter“ des Bolschewismus…

      allerdings floriert die Bereitschaft, Israel für alle Probleme der Welt verantwortlich zu machen (und das gerade bei Menschen, die weder mit arabern noch mit Israelis das geringste zu tun haben)

      gerade die schlimmsten österreichischen Nazis kamen aus Gegenden, in denen es kaum Juden und daher wenig antisemitisch-fremdenfeindliche Tradition gab.

  2. lindwurm Says:

    Ich bezog mich darauf, dass kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine schwedische oder norwegische Gewerkschaft, Universität oder sogar ein Lokalparlament dazu aufruft, israelische Waren zu boykottieren bzw. Israel zu isolieren. Antisemitismus in „linker“, exakter: sowjetischer Tradition halt (im Gegensatz zum rassistischen Antisemitismus in unseren Breitengraden). Der Grad an Antisemitismus dürfte in Schweden, Norwegen und Österreich vermutlich gleich hoch sein, doch gilt es in Ösiland – noch – als unschickt, sich öffentlich dazu zu bekennen.

  3. movingscene Says:

    @aron2201sperber: ob schweden antisemitischer ist als österreich, mag ich im detail nicht zu beurteilen (da ich weder in der schwedischen noch in der österreichischen innenpolitik aktuelle „drin“ bin). aber, in schweden gibt es eine weitverbreitete antisemitische denkweise, die sich am liebsten im „antizionismus“ manifestiert. wer schonmal in schweden war, dem ist vielleicht aufgefallen, wie oft in städten häuser mit der palästinensischen flagge beflaggt sind. ich denke man vergleicht äpfel mit birnen, versucht man zu sagen schweden oder österreich ist antisemitischer. der vergleich hinkt, wie du schon aufgeführt hast, anhand der unterschiedlichen vergangenheit und damit auch dem unterschiedlichen umgang mit dem thema. in schweden ist ein boykott israelischer produkte zwar kontrovers, geht aber durchaus. passiert sowas in deutschland oder österreich geht (zurecht) ein aufschrei durch die medien und das ganze wird wieder fallen gelassen.
    der antisemitismus in den beiden deutschsprachigen ländern ist oftmals subtiler und dadurch schwerer zu finden, als es in den skandinavischen ländern der fall ist.

  4. Sonntags in der „Krone“ « Aron Sperber’s Weblog Says:

    […] Heiliger bzw. „israelkritischer“ (sogar ganz ohne die Hamas zu erwähnen) kann man die „ewigen Brunnenvergifter“ nicht anklagen – Weder Amnesty International selbst noch die  „Qualitätsmedien“ die hätten dies besser geschafft: […]

  5. DruideWien Says:

    Ich habe 17 Jahre in Marroko gelebt, und mit Arabern und Juden zu tun gehabt, Reperatur arbeiten.

    ich würde für jene niemehr wieder Arbeiten, lieber verhungern.

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