Biermann über Sperber

Für alle Pseudo-Sperber-Kenner, die meinen, ich hätte durch meinen Blog-Namen das Ansehen des „kommunistischen Denkers“ besudelt.

Dass Sie mich nun in eine Reihe mit ehrenhaften Renegaten wie Köstler, Orwell und Sperber stellen, muss mir ja schmeicheln. Es berührt mein Herz wohl besonders, weil ich gegen Ende seines Lebens mit Manès Sperber mich angefreundet hatte. Ich besuchte ihn und seine Frau Jenka gelegentlich in der Rue Notre-Dame-des-Champs, ich glaube Nummer 83, also nahe am Jardin du Luxembourg, wo Manès Sperber regelmäßig spazieren ging und den Vieux Garçons zusah, die da auf ihrem traditionsreichen Platz das Boule-Spiel zelebrierten.

Als ich den Sperber zum ersten Mal besuchte, fühlte er mir gleich und ungeniert auf den kommunistischen Zahn. Es ärgerte ihn, dass ich mich immer noch, eigentlich in perpetuierter DDR-Manier, einen echten Kommunisten nannte, der gegen all diese falschen Kommunisten im ewigen Freiheitskrieg der Menschheit ankämpft. Mein Kamerad in diesem Krieg, der alte Robert Havemann, lebte damals ja noch, allerdings in politischer Quarantäne, in seinem Häuschen am Möllensee in Grünheide, östlich von Ost-Berlin. Der alte todkranke Robert wurde im Sinne eines strengen Hausarrestes bewacht. Rund um die Uhr waren da sage und schreibe 200 Genossen der Staatssicherheit im Dienst, die sich die umliegenden Häuser und Häuschen gekrallt hatten, als bequeme Schützengräben im Stellungskrieg des Klassenkampfes.

Auf Havemann reagierte Manès Sperber allerdings genervt: “Havemann? Das ist doch kein Philosoph! Gibt es etwa einen Havemannismus? Nein!” Und dann zog dieser erfahrene Doktor mir meinen faulen Kommunistenzahn. Das war nicht leicht, denn dessen Wurzeln wuchsen mir grauenhaft tief in die Seele. Sperber operierte mich allerdings nicht ohne eine starke Betäubung: Er liebte und lobte meine Lieder. Von Manès Sperber konnte ich diese Hilfe annehmen. Manès Sperber hatte die Erfahrungen des aufrichtigen und tapferen Renegaten schon in den Dreißigerjahren gemacht, als er im Exil in Paris sich in einem Zweifrontenkrieg und sehr alleine verteidigen musste: gegen die Nazis als Jude und gegen die stalinistischen Genossen als Mensch.

(Wolf Biermann – „Ich bin ein Verräter“)

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Eine Antwort to “Biermann über Sperber”

  1. andy Says:

    Danke für diese Überlieferung..

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