Ustica – Neues Urteil ohne neue Beweise

Die italienischen Justizbehörden sind nach mehrjährigen Ermittlungen zum Schluss gekommen, dass der mysteriöse Flugzeugabsturz einer DC-9-Maschine, die am 27. Juni 1980 von Mailand Richtung Palermo geflogen war, von einer Rakete verursacht wurde. Die Maschine wurde im Mittelmeer unweit der Insel Ustica abgeschossen.

Das Kassationsgericht in Rom hat daher heute beschlossen, dass der italienische Staat die Familienangehörigen der Opfer entschädigen muss, weil er nicht mit ausreichenden Zivil- und Militärkontrollen die Sicherheit des Flugraums garantiert hatte.

Das Zivilgericht von Palermo hat einfach das alte Urteil des Strafrichters Priore recycled, obwohl sein Urteil vom Obersten Strafgerichtshof aus Mangel an Beweisen aufgehoben worden war.

Nun wurde das neue Urteil vom Obersten Zivilgerichtshof bestätigt, obwohl seit dem Urteil des Obersten Strafgerichtshof kein einziger neuer Beweis aufgetaucht ist.

Der Strafrichter Priore, der gegen Offiziere der Aeronautica Militare einen Prozeß geführt hatte, beauftragte ursprünglich ein internationales Sachverständigenteam mit der Untersuchung der Absturzursache.

Als seine Sachverständigen zu dem Schluss kamen, es habe sich um eine Bombe gehandelt, wurden sie von Priore kurzerhand gefeuert. Stattdessen wurde ein italienisches Team eingesetzt, welches seine Ansichten über einen angeblichen Luftkampf teilte. Sie führten Experimente durch, die beweisen sollten, dass es sich nicht um eine Bombe gehandelt haben konnte.

Aus eigener beruflichen Erfahrung weiß ich, dass wenn der Auftraggeber ein Gutachten in einer bestimmten Richtung haben will, er es vom Auftragnehmer auch so bekommt.

Da es sich laut Gutachten seiner Sachverständigen nicht um eine Bombe gehandelt hatte, konnte es sich für den Richter nur um einen Luftkampf gehandelt haben.

Dies brauchte man praktischerweise nicht in Experimenten zu beweisen, da nachdem die Bombe ausgeschlossen worden war, nach Priores Logik nur noch jene Möglichkeit übrig blieb (auch wenn sich seine neuen Sachverständigen nicht einmal darüber einig waren, ob die Absturzursache ein Raketentreffer oder ein Fast-Zusammenprall mit einem Kampfjet war).

Der Richter Priore wollte Gaddafi übringens nicht nur für Ustica die Absolution erteilen, sondern auch für Lockerbie.

Diese absurde Art von Beweisführung hielt vor dem Berufungsgericht nicht.

Wenn Berlusconi nicht mit seinen Vorwürfen der linksideologischen Unterwanderung der Justiz recht gehabt hätte, hätte das Berufungsgericht auch das neue zivilrechtliche Urteil aus Mangel an Beweisen wieder aufheben müssen.

Gerade Berlusconi konnte allerdings bis vor kurzem mit der „historischen Wahrheit“ über Ustica sehr gut leben.

Die richtige Wahrheit zu finden, hätte Berlusconis Geschäften mit Gaddafi wohl schwer geschadet.

Nun ist Gaddafi weg…

…und aus der lukrativen „historischen Wahrheit“ ist ein 100 Millionen teures „Skandalurteil“ geworden, das Berlusconis Verteidigungsminister erfolglos zu bekämpfen versucht hatte.

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13 Antworten to “Ustica – Neues Urteil ohne neue Beweise”

  1. Gordon G. Long Says:

    In den Medien wird spekuliert, dass es sich um eine geheime Militäroperation der Nato gehandelt habe, die das Flugzeug Ghaddafis zum Absturz bringen sollte. Ghaddafi, der sich auf dem Weg zu einem Gipfeltreffen des Warschauer Paktes befand, war von Ronald Reagan zum Mann Nr. 1 des Terrorismus im Mittelmeerraum erklärt worden. Dennoch pflegte er weiterhin traditionell enge Geschäftsverbindungen zum Nato-Partner Italien und investierte dort. 1976 hatte Libyen 10 Prozent der FIAT-Aktien aufgekauft. Italien wiederum lieferte Kampfflugzeuge und militärische Ausbilder und geriet dabei zunehmend in Konflikt mit den Nato-Alliierten. Frankreich unterstützte damals die Regierung des südlich von Libyen gelegenen Tschad gegen Ghaddafi. Washington plante bereits mit Ägypten gemeinsame Luftmanöver gegen Libyen und lieferte Kampfjets nach Kairo.

  2. “Avanti Populismo!” | Aron Sperber Says:

    […] “Popolo” ist jetzt natürlich empört, weil ein Urteil der linken Polit-Justiz gegen die “Padroni” etwas abgeschwächt werden […]

  3. Hexenprozess geht ohne Hexe in weitere Runde | Aron Sperber Says:

    […] eine Woche und den Vergewaltiger gar nicht gekannt hatte) kann es allerdings in Anbetracht der Unberechenbarkeit der italienischen Justiz noch richtig eng […]

  4. Wo Italiens Justiz vorbeugen will | Aron Sperber Says:

    […] eine Woche und den Vergewaltiger gar nicht gekannt hatte) kann es allerdings in Anbetracht der Unberechenbarkeit der italienischen Justiz noch richtig eng […]

  5. Im Zweifel schuldig | Aron Sperber Says:

    […] man die Launen der italienischen Justiz kennt, hätte man eigentlich damit rechnen müssen, dass sich das Gericht […]

  6. Faszinierende Theorien | Aron Sperber Says:

    […] Italien widmete sich die Justiz über 30 Jahre lang solch einer faszinierenden, unbeweisbaren […]

  7. In der Regel? | Aron Sperber Says:

    […] prozessierte Italiens Justiz gegen die Generäle der italienischen Luftwaffe, denen man vorwarf, einen angeblichen […]

  8. Ausbeutung der Opferangehörigen | Aron Sperber Says:

    […] Höhepunkt der Opfermanipulierung war die Raketentheorie von Ustica, bei der Generäle der Italienischen Luftwaffe zunächst erfolglos mit jahrzehntelangen […]

  9. Ustica-Szenario für Flug MH370 | Aron Sperber Says:

    […] hat Italiens oberstes Zivilgericht jetzt die völlig unbewiesene Theorie bestätigt und den italienischen Staat zu Milliardenzahlungen wegen des Nichtverhinderns jenes […]

  10. Ohne Putins Dementi | Aron Sperber Says:

    […] abstruse Geschichte, die von seinen italienischen Öl-Kunden in die Welt gesetzt wurde, heute als gerichtlich abgesegnete […]

  11. Schützt Putin die ukrainischen Täter? | Aron Sperber Says:

    […] Ende wurde jedoch in einem absurden Zivilprozess die Luftkampf-These abgesegnet, und Italien zu Milliardenzahlungen wegen der “Nichtverhinderung” des angeblichen […]

  12. Spiegel missbraucht Bellingcats Reputation | Aron Sperber Says:

    […] ein derartiges Szenario wurde zwar nach dem Absturz einer italienischen Passagiermaschine vor Sizilien jahrzehntelang […]

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