Zschäpes Brieffreunde

Nach dem norwegischen Massenmörder versucht nun auch Deutschlands oberster Verschwörungstheoretiker, eine Brieffreundschaft zur internierten Volksgenossin anzuregen:

Liebe Beate Zschäpe,

ich habe Angst, dass Sie das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen werden. Ihre Münchner Zelle könnte Ihre Todeszelle werden, auch wenn die Todesstrafe bei uns abgeschafft ist. Die Gefahr ist am größten, wenn die TV-Kameras, die zu Prozessbeginn auf Sie gerichtet waren, abgeschaltet sind. Wenn keiner mehr hinschaut.

Deswegen mein Appell: Reden Sie, solange Sie noch reden können. Reden ist Silber, Schweigen ist der Tod. Nur wenn Sie auspacken über Ihre Hintermänner, Auftraggeber und Verführer, sind Sie einigermaßen geschützt – denn das sind dieselben, die Ihnen am Liebsten für immer den Mund stopfen würden. Tote Zeugen reden nicht.

Das wahrscheinlichste Szenario ist ein Attentat im Gericht. Irgendein verzweifelter oder verstörter Rächer wird auf Sie losstürmen und Sie exekutieren. „Weil auf die deutsche Justiz kein Verlass ist“, wird er behaupten und seinerseits vermutlich freigesprochen werden.

(Jürgen Elsässer – Offener Brief an Beate Zschäpe)

Dieses Szenario wäre natürlich das Traumszenario eines jeden Verschwörungstheoretikers, wie man seit dem Mord an Lee Harvey Oswald weiß.

Seit seiner Ermordung ist aus dem marxistischen Todesschützen das Opfer einer rechten Verschwörung geworden, die auch hinter der Ermordung des amerikanischen Präsidenten stecken soll.

Variante Nummer zwei: Nachts erscheint ein Schakal oder ein Grauer Wolf in Ihrer Zelle und hängt Sie, wie damals Ulrike Meinhof, ans Fensterkreuz. Wobei ich das Beispiel Ulrike Meinhof nur hilfsweise gewählt habe, weil die RAF-Gründerin bekannter ist als Heinz Lembke, der Ihnen vermutlich politisch näher steht. Lembke soll die Waffen für das Oktoberfestattentat 1980 geliefert haben, bei dem 13 Menschen starben. Als der Inhaftierte versprach, am folgenden Tag auszupacken, fand man ihn im Morgengrauen aufgeknüpft in seiner Zelle.

Es wird Sie vielleicht wundern, dass ich als alter Linker so um Sie und Ihr Überleben besorgt bin. Abgesehen davon, dass ich die alten Kategorien links und rechts ohnedies für überholt halte, weil keiner heute mehr genau sagen kann, ob sich auf der Achse Brüssel-Berlin ein neuer Faschismus oder eine neue UdSSR herausbildet – abgesehen davon sind Sie mir irgendwie sympathisch.

Elsässers Unlogik ist wieder einmal bestechend.

Er beschwört die ihm „sympathische“ Beate Zschäpe unbedingt auszupacken, da ihr sonst wie Ulrike Meinhof ihre Ermordung drohe, bringt jedoch als Argument ausgerechnet einen Typen, der angeblich auspacken wollte und genau deswegen ermordet worden sein soll.

Beeindruckend ist auch seine Ignoranz gegenüber den historischen Fakten zum Oktoberfestanschlag.

Dass der Attentäter Verbindungen zur Wehrsportgruppe Hoffmann gehabt hatte, ist schon lange bekannt.

Mittlerweile ist jedoch auch bekannt, dass die Wehrsportgruppe Hoffmann Verbindungen zur Stasi hatte und wohl dank dieser Kontakte via DDR in ein Ausbildungslager der Palästinenser entkommen konnte.

Dass Rechtsradikale von Linksradikalen vor dem gemeinsamen Feind geschützt werden, ist in Deutschland eben nichts neues.

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3 Antworten to “Zschäpes Brieffreunde”

  1. zweitesselbst Says:

    Oke, was soll ich da noch sagen, Sperber gehörte ja auch mal dem marxistischen Flügel an. ^^

  2. Thomas Holm Says:

    Ich hätte auch noch eine Verschwörungs-Idee beizusteuern:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Lummer#Versuch_der_Anwerbung_durch_das_DDR-Ministerium_für_Staatssicherheit

    „Im August 1995 reiste Klaus Grünewald, ein Abteilungsleiter des Verfassungsschutzes, nach Nahost und ebenso Heinrich Lummer, der ehemalige CDU-Innensenator Berlins. Beide köderten Öcalan mit der Idee, aus ihm könne eines Tages ein zweiter Jassir Arafat werden – ein Terrorchef, der zum Staatsmann herangereift war. Tatsächlich fand Öcalan Gefallen an der Idee und verfaßte 1996 in bester stalinistischer Tradition eine „selbstkritische“ Erklärung. Die Rechtsbrüche in Europa seien „ein Fehler“ gewesen.“

    http://www.zeit.de/1999/09/199909.pkk_.xml

    Man traf sich übrigens (wohl auch) im Bekaa-Tal, wo damals zeitweise alle Terror-Welt ein und aus gingen. Schon nach den Morden an den drei Kurdinnen in Paris hätte man Lummer interviewen müssen und mal fragen sollen, wer damals vielleicht so aussah, als wolle er nicht so recht mitziehen auf dem Pfade der Selbstkritik.

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