Peterles Welterklärungen

Aber was wurde konkret gegenüber Russland falsch gemacht?

Peter Scholl-Latour: Putin wollte ursprünglich doch auch die Öffnung nach Westen. Als KGB-Mann hatte er in Deutschland gelebt. Er ist sicher kein Demokrat westlichen Typus, aus der historischen Perspektive Russlands, gemessen an anderen russischen Staatsoberhäuptern, ist er jedoch ein Westler – wohlgemerkt im russischen Sinne. Aber durch die NATO-Osterweiterung, die allen Abkommen nach dem Ende des Kalten Krieges widersprachen, die Russland fast auf die Grenzen von Brest-Litowsk wie nach dem 1. Weltkrieg zurückwarfen, durch das Zurückstoßen Russlands in den Osten, kam es zu einer Abkehr in der politischen Strategie Moskaus.

(Telepolis)

Stalin war wohl auch ein Westler, weil er sich gern Westberlin einverleibt hätte.

Wohlgemerkt im sowjetischen Sinne.

Machen wir einen Sprung nach Ägypten. Der demokratisch gewählte Präsident Mursi wird vom Militär gestürzt, die Reaktionen des Westens reichen von Lippenbekenntnissen bis hin zur klammheimlichen Freude. Bedeutet das vielleicht das Ende des von Ihnen kritisierten Stimmzettelfetischismus, also der Forderung nach demokratischen Prozeduren?

Peter Scholl-Latour: Nein, das denke ich nicht. Das ganze Szenario erinnert an Algerien, zu Beginn der 1990er Jahre, als das Militär mit heimlicher Billigung des Westens die demokratisch gewählte islamistische Regierung stürzte, was zu einem blutigen Bürgerkrieg dort führte. Man hat natürlich nichts daraus gelernt.

Stimmzettelfetischismus wird vom großen Diktaturversteher abgelehnt.

Außer er dient dazu, kernigen Islamisten zur Macht zu verhelfen, die genügend Motivation für den Krieg gegen den heuchlerischen Westen aufbringen.

Die Forderungen des Westens nach Demokratie werden ja immer höchst selektiv vorgetragen. Gegenüber Saudi-Arabien hört man so etwas ja nie oder selten, dabei wird in Saudi-Arabien die strengste islamische Ausrichtung praktiziert. Im Westen wird der Iran immer als Schurkenstaat Nummer 1 dargestellt, dabei stört sich aber niemand daran, dass christlichen Priestern in Saudi-Arabien die Verhaftung droht, dass dort arbeitende Christen keine Messen abhalten dürfen, dass Juden dorthin die Einreise verweigert wird. Zum Dank liefern wird unsere Panzer dorthin, mit denen dann die Demokratiebewegung in Bahrain, wie auch im eigenen Land in Schach gehalten werden kann. Von anderen Beispielen, Libyen etc., ganz zu schweigen.

Saudi-Bashing und Mullah-Verharmlosung dürfen natürlich auch nicht fehlen, auch wenn ein Sturz der Saudis wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Machtübernahme der Salafisten führen würde, während ein Sturz der Mullahs dem Iran zu einer funktionierenden Demokratie verhelfen könnte.

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9 Antworten to “Peterles Welterklärungen”

  1. antifo Says:

    Gemäß des amerikanischen Russland-Experten Stephen F. Cohen hat Amerika den Kalten Krieg nach einer kurzen Pause einfach fortgesetzt und zwar lange bevor Wladimir Putin russischer Präsident wurde:

    http://www.thenation.com/article/new-american-cold-war

  2. antifo Says:

    „Bush wollte Putin ins Boot zurückholen“?

    So ein Unsinn. Der völkerrechtswidrige Krieg gegen Serbien (Kosovokrieg) war im Juni 1999 zu Ende. Damals war noch Jelzin russischer Präsident.

    Heute Abend ist Peter Scholl-Latour im ZDF bei Maybrit Illner. Ich erwarte morgen einen engagiert-polemischen Artikel, in dem Du Deinen „speziellen Freund“ ordentlich niedermachst …

    • aron2201sperber Says:

      Heute Abend ist Peter Scholl-Latour im ZDF bei Maybrit Illner. Ich erwarte morgen einen engagiert-polemischen Artikel, in dem Du Deinen “speziellen Freund” ordentlich niedermachst …

      Darauf kannst du dich verlassen.

      Danke für den Tipp 😉

      • arprin Says:

        Hamed Abdel-Samad gerade bei Maybrit Illner:
        „Entschuldigung, Herr Scholl-Latour, aber das muss jetzt im öffentlichen Fernsehen gesagt werden: Ihre Analysen über die arabische Welt sind im Kalten Krieg stecken geblieben“.

      • aron2201sperber Says:

        war seine beste Meldung, aber er hatte es sonst schwierig an diesem Abend.

        der CDUler war wirklich gut und ließ Peter Scholl-Latour einige Male alt aussehen…

        …wobei PSL wirklich unglaublich fit ist.

        was bei ihm daneben ist, hat nichts mit Demenz zu tun, sondern mit Blasiertheit.

      • aron2201sperber Says:

        Peter Scholl-Latour regt sich wahnsinnig über die Heuchelei der anderen auf.

        Er selbst leitete jedoch jeden Satz, mit dem er die Muslimbrüder verteidigte, damit ein, dass er kein Verteidiger der Muslimbrüder sei.

    • aron2201sperber Says:

      “Bush wollte Putin ins Boot zurückholen”?

      So ein Unsinn. Der völkerrechtswidrige Krieg gegen Serbien (Kosovokrieg) war im Juni 1999 zu Ende. Damals war noch Jelzin russischer Präsident.

      was soll daran Unsinn sein?

      Bush war auch erst seit Ende 2000 Präsident.

      Ins Boot holen holen“ meinte ich nicht nur im übertragenen Sinn.

      Bush pfuschte Putin nicht einmal bei Tschetschenien herein, obwohl sich Putin dort wie die letzte Sau benahm…

      …und Amerika zum demokratisch gewählten tschetschenischen Präsidenten gute Beziehungen unterhielt, der übrigens kein Salafist war, sondern selbst ein Gegner der islamistischen Terroristen war.

  3. Tamara Blankenship Says:

    Peter Scholl-Latour: Ja, das ist der eigentliche Grund für die westliche Frontstellung gegen Assad, nicht etwa der Wunsch Freiheit und Menschenrechte in Syrien zu etablieren. Wenn es dem Westen damit ernst wäre, hätte er ja bei seinem Verbündeten Saudi-Arabien diese Prinzipien einfordern können, wo die Zustände diesbezüglich weit schlimmer sind als im Iran. Auch die saudische Okkupation Bahreins hat im Westen nicht einmal ein Stirnrunzeln verursacht. Im Gegenteil, die Bundesrepublik stattete Riad mit Panzern aus. Bei diesem Konflikt geht es darum, die Iraner davon abzuhalten, eine Verbindung zum Mittelmeer zu erhalten, über den Irak, Syrien bis hin zum Libanon. Deshalb soll Assad verschwinden.

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