Ka Problem oder Köpferl im Sand?

In Österreich „kein Problem“

Die Debatte um den Sozialtourismus in der EU ist allerdings nicht neu. Schon im Frühjahr hatten die Innenminister von vier Ländern – darunter neben Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden auch Österreich – einen Brief nach Brüssel geschickt und Maßnahmen gegen das angebliche Phänomen gefordert.

In Österreich betont man aber seit jeher, den Brief aus reiner Solidarität gegenüber den Partnerländern unterzeichnet zu haben. Das Problem der Armutsmigration gebe es hierzulande derzeit nicht, versichert der Sprecher von Johanna Mikl-Leitner im Gespräch mit der „Presse“ – und auch nach der Arbeitsmarktöffnung im kommenden Jahr werde sich daran nichts ändern.

(„Die Presse„, Print-Ausgabe, 05.12.2013)

Angesichts eines Problems, das alle Nettozahler der EU gerade in Alarmbereitschaft versetzt, hilft die angeblich bürgerliche „Presse“ der angeblich bürgerlichen Innenministerin den Kopf in den Sand zu stecken.

Wenn man die Armutsmigration leugnet, wird man auch kaum die notwendigen Schritte setzen, das Problem abzuwenden.

Selbst die Presse gesteht ein, dass der Problemfall wohl letztlich eintreten werde:

„Sozialtourismus“ ist eine perfide Wortkreation. Die Innenminister von Deutschland, Großbritannien, Niederlande und Österreich argumentieren seit Monaten gegen das angebliche Ausnutzen ihres Sozialsystems durch Zuwanderer aus anderen EU-Staaten. In Großbritannien und Deutschland werden Forderungen laut, Zuwanderer aus der EU künftig bei Sozialleistungen schlechter zu stellen. Das suggeriert ein Problem der Freizügigkeit, das es laut veröffentlichten Zahlen bisher überhaupt nicht gibt.

Verlogen ist, dass alle vom selben reden, es aber nicht beim Namen nennen: Denn es geht nicht um schon aufgetretene Probleme. Es geht darum, dass mit 1. Jänner der Arbeitsmarkt für Rumänen und Bulgaren geöffnet wird, und um die Angst, dass dann Roma und Sinti in Massen ins Land strömen. Das könnte irgendwann tatsächlich geschehen, aber nicht wegen der Arbeitsmarktöffnung, sondern weil unter den EU-Staaten ein Wettbewerb der Verdrängung dieser Volksgruppe eingesetzt hat. Frankreich und Ungarn sind dabei Vorreiter.

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

(„Die Presse„, Print-Ausgabe, 05.12.2013)

Allerdings wird er nicht als „Sozialtourismus“ (für die Presse ein ganz böses Wort, das man nur unter Anführungszeichen verwenden darf), sondern als unvermeidliche „Verdrängung dieser Volksgruppe“ wahrgenommen.

Gerade indem man das Problem des Sozialtourismus erfolgreich verdrängt und so verhindert, dass Österreich sich davor schützt, spielt man einem Strache in die Hände, bei dem der Vorwurf, es gehe nicht um Sozialtourismus, sondern um die rassistisch motivierte Ablehnung der Roma, womöglich tatsächlich stimmen könnte.

Letztlich liegt es gerade im Interesse der Roma, in Westeuropa nicht mehr als ewig zu versorgende „Opfer“ (aus Sicht der Guten) oder als „Schmarotzer“ (aus Sicht der Bösen) wahrgenommen zu werden, sondern durch die EU-Freizügigkeit neue Chancen als gleichberechtigte Bürger zu bekommen.

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5 Antworten to “Ka Problem oder Köpferl im Sand?”

  1. American Viewer Says:

    Wenn diese Probleme weiter negiert und banalisiert werden, muss sich niemand wundern, wenn irgendwann einmal Menschen wie Marine Le Pen wichtige Wahlen gewinnen. Auch ein Ende der EU ist denkbar.

    Auch Große Koalitionen wie in DL können sich schnell als fatal herausstellen. Denn wenn diese Koalitionen aufgrund irgendeiner (Weltwirtschafts)Krise grandios versagen und ihren Ruf verspielen, gibt es keine seriöse Opposition, die einspringen kann. Das ist der ideale Nährboden für andere, eventuell schädlichere, Parteien und Bewegungen. Es ist interessant, dass die Spitzen von SPD und Union so machtgeil sind und diese Gefahr nicht sehen.

  2. UDO Says:

    Roma bezeichnet nur einen Teil der Zigeuner:

    Den politisch korrekten Sammelbegriff “Sinti und Roma” mag Reinhardt nicht: “Wir wollen Zigeuner genannt werden, das ist das normale deutsche Wort für uns.” Dass dieses im Dritten Reich negativ besetzt wurde, sei eine Sache, aber “Sinti und Roma” sei schlicht falsch. “Was ist mit den anderen Stämmen, die da einfach weggelassen werden?”, fragt er und meint damit Gruppen wie die Kale, Mansusa, Arlija oder Gurbeta.

    http://www.dw.de/zu-besuch-bei-k%C3%B6lschen-sinti/a-16323635

    Warum benutzen die Reporter also den Modebegriff Sinti und Roma immer wieder?

    Und hier wird über die Erfindung der Bezeichnugn berichtet:
    1. Der auf einer internationalen Zigeuner-Konferenz 1971 in London angeblich gefaßte Beschluß, daß Zigeuner forthin „Roma“ genannt werden sollten, wurde von etwa zwei Dutzend „Delegierter“ gefaßt, darunter nur einer Person (Melanie Spitta) aus Deutschland. Aus etlichen Staaten mit einer nennenswerten Zigeunerbevölkerung waren überhaupt keine „Vertreter“ bei diesem Treffen anwesend. Solch ein weitreichender Beschluß, der natürlich ohne vorherige Konsultation der „Basis“ gefaßt worden ist, entbehrt jeglicher Legitimation. Dieser in der Folge mystifizierte Kongreß war nicht mehr als ein Hinterzimmertreffen, das zudem noch von Nicht-Zigeunern dominiert bzw. instrumentalisiert wurde.

    Übrigens, wie die folgende Liste zeigt, sind einige Organisationen als „Tsiganes“ oder „Gypsies“ auf dem Kongress aufgetreten.

    31. Schon kurz nach dem Krieg (1946) ist in München ein „Komitee Deutscher Zigeuner” gegründet worden.

    1958 hatten einige Sinti, vor allem Walter Strauß, Wilhelm und Johannes Weiß ein „Zentralkomitee der Zigeuner“ gegründet.

    1968 hatte ein Rom, Rudolf Karway, in Hamburg eine „Internationale Zigeuner-rechtskommission“ gegründet.

    Wilhelm Weiß (s.o.) hat 1973 das „Zentralkomitee“ als „Zigeuner International e.V.“ wiederbelebt.

    Die Sintizza Theresia Seible hatte Ende der 1970er/ Anfang der 80er Jahre einen Frauenverein unter dem Namen „Comitée der Zigeuner“ gegründet.

    1979 ist in Bremen zunächst von Nicht-Zigeunern der „Verein zur Durchsetzung der Rechte der Zigeuner in der Stadtgemeinde Bremen e.V.“ gegründet worden, in dessen Vorstand auch bald Sinti (u.a. Ewald Hanstein) aufgenommen wurden.

    Um 1980 gab es einen „Verbandes der Zigeuner Niedersachsen e.V.“

    Diese Beispiele, allesamt dem Alptraum der NS-Diktatur zeitnaher als etwa die Etablierung des „Zentralrates“, zeigen, daß die Gründer offenbar nicht von dem Gedanken „beseelt“ waren, daß der Begriff „Zigeuner“ durch die Nazis diskreditiert wäre bzw. eine diskriminierende Bezeichnung darstellte.

    Tatsächlich wird man eben bei genauerem Hinsehen feststellen, daß die Sprachregelung „Sinti und Roma“ hauptsächlich von Nicht-Zigeunern ausging bzw. von Gadsche-Kreisen maßgeblich „unters Volk“ gebracht worden ist. Eine bei diesen „Korrektheitsfanatikern“ festzustellende Intoleranz ist ohnehin den Zigeunern weitgehend fremd (gewesen). Das haben einige Funktionäre erst später von den Gadsche übernommen.

    32. Es ist offensichtlich, daß etwa seit Anfang der 1980er Jahre interessierte Kreise begonnen haben, den Begriff systematisch schlecht zu reden, um dann immer wieder feststellen zu können, wie schlimm diese Bezeichnung doch wäre. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen), die maßgeblich bei der Gründung des „Zentralrates“ mitgewirkt hat, schrieb noch 1979: „Wer sich an der Zigeunerarbeit der GfbV beteiligen möchte, wende sich an die GfbV, …“ (in: Pogrom, 10.Jg., Nr.61 vom März/ April 1979, S.2) oder: von „Bürgerrechtsbewegung für Zigeuner“ (in: Pogrom, 10.Jg., Nr.65 vom Juli-Sept. 1979, S.4). Der Erzbischof von Köln hatte sich anläßlich einer Pilgerfahrt von Zigeunern zum Kölner Domjubiläum im September 1980, an der vor allem Sinti teilnahmen, an diese mit den Worten „Meine lieben Zigeuner“ gewandt. Auch diese Beispiele zeigen, daß zu der Zeit der Begriff durchaus nicht so „schlecht“ war bzw. gesehen wurde, wie heutzutage immer wieder von verschiedenen Seiten behauptet wird, was sich somit als „Falschspielerei“ erweist.

    http://www.rbenninghaus.de/zigeuner-begriff.htm

    Ausserdem sind dort Grabsteine zu sehen mit Inschriften wie:
    Bürgermeister der Zigeuner
    Zigeunerprinzessin
    Präsident der Zigeuner
    Zigeunerkomissar
    Zigeunerbaron

    Der mittlerweile verstorbene österreichische Lovari Karl Stojka (in: Karl Stojka/ Reinhard Pohanka: „Auf der ganzen Welt zu Hause – Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka“, Wien 1994, S.7):

    „Ich bin ein Zigeuner. Ein Rom vom Stamme der Bagaretschi. Mein Vater war Zigeuner, meine Mutter und meine ganze Familie waren Zigeuner.”

    Ein Lovari der jüngeren Generation (Willibald, der Sohn von Ceija Stojka), im Beiheft zum Film von Karin Berger: „Ceija Stojka – Porträt einer Romní“:

    „Wir sind nicht böse, daß wir Zigeuner genannt werden. Wir sind ja Zigeuner. Ich will auch gar nichts anderes sein. Jetzt sagen sie Rom oder Roma oder Sinti oder was weiß ich! Keiner kennt sich mehr aus.“

    Der burgenländische Rom Stefan Horvath aus Oberwart (in: Otto Reiter: „’Zigeuner ist für mich ein Ehrentitel’ – Anmerkungen zum Special ‚Roma Reigen’“, in: filmarchiv – Mitteilungen des Filmarchiv Austria, H.46 , S.24-26, ebd. S.26):

    „Ich bin ein burgenländischer Zigeuner und stolz darauf. Viele nennen sich jetzt Roma, Sinti oder irgendwas, weil sie sich dadurch Geld und Anerkennung erhoffen. Ich bin als Zigeuner geboren und für mich ist das ein Ehrentitel.“

    usw.

    http://diepresse.com/home/meinung/marginalien/723416/Das-Wort-Rom-beleidigt-mich-nenn-mich-Zigeuner

  3. Nicht immer ist die EU schuld | Aron Sperber Says:

    […] umarmt, ihr Roma!” würde es wohl genauer […]

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