Archive for 16. Dezember 2015

Zwangsgebühren für einen Wikipedia-Beitrag

Dezember 16, 2015

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Gelli vermutlich für die CIA.

Gellis mutmaßliche geheimdienstlichen Aktivitäten brachten ihm den Vorwurf ein, eine einflussreiche Rolle im Gladio-Projekt gespielt zu haben. Hierbei handelte es sich um eine Art zivile Geheimarmee, aufgebaut von der CIA und der NATO.

(ORF)

Unser staatlicher Zwangsgebühren-Funk hat jene Weisheiten übrigens 1:1 vom Wikipedia-Beitrag abgeschrieben.

Wäre Gelli jener allmächtige CIA-Mann gewesen, wäre er wohl nicht ausgerechnet 1981 (zu Beginn der Reagan-Ära) wegen eines ordinären Korruptionsskandals um eine Bank abmontiert worden:

1981 wurde seine Freimaurerloge verboten, Gelli floh in die Schweiz.

(SPON)

Weiters zitiert der ORF sämtliche Verschwörungstheorien, die es rund um das Thema Gladio gibt:

Einige der mutmaßlichen P2-Mitglieder sollen direkt oder indirekt an den zahlreichen Attentaten, Putschversuchen und terroristischen Aktionen der 1960er und 1970er Jahre beteiligt gewesen sein. Eine wichtige, bis heute nur teilweise aufgeklärte Rolle spielte dabei die Stay-Behinde-Organisation Gladio. Auch die Roten Brigaden sollen von Gladio-Mitgliedern unterwandert gewesen sein.

Mehrere Terroranschläge, etwa auf dem Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980 mit 85 Toten, wurden ursprünglich den Roten Brigaden zugeschrieben.

(ORF)

Die Legende, gemäß der die Roten Brigaden wegen des Anschlags von Bologna zunächst verdächtigt worden wären, wird immer wieder in den deutschen Wikipedia-Beitrag aufgenommen, obwohl tatsächlich von Anfang an nur Rechte verdächtigt wurden (wie man im englischen Wikipedia-Beitrag nachlesen kann).

Gelli und Gladio sollen natürlich auch in irgendwelche imaginären Staatsstreiche verwickelt gewesen sein.

Warum hätte ein Mann, der angeblich Italiens Politik beherrschte (wie es seine P2-Liste belegen soll) Staatsstreiche gegen die von ihm kontrollierten Politiker anzetteln sollen?

Und warum hätte die CIA Staatsstreiche gegen eine verbündete und verlässliche Regierung unterstützen sollen, um sie mit irgendwelchen rechtsextremen Obskuranten (auf dem Niveau der deutschen „Wehrsportgruppe Hoffmann“) zu ersetzen?

Böser als der Pate?

Dezember 16, 2015

Italiens skandalumwitterter Ex-Freimaurerchef Licio Gelli ist am Dienstagabend in seiner Villa nahe der toskanischen Stadt Arezzo gestorben.

Wenn es um das Image als Bösewicht ging, konnte nicht einmal die Mafia dem Großmeister der P2-Loge das Wasser reichen.

Licio Gelli hatte als Vorlage für den besonders verschlagenen Licio Lucchesi aus der Pate III gedient.

Beim Großmeister der inoffiziellen Freimauer-Loge „P2“ hatte es sich zweiffellos um einen dubiosen Typen gehandelt, der im großen Korruptionsskandal um den Banco Ambrosiano wohl eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Doch im Gegensatz zum österreichischen Pseudo-Logenmeister Udo Proksch, der von Wiens Schickeria immer noch verehrt und in Schutz genommenen wird, handelte es sich bei Licio Gelli wahrscheinlich nicht einmal um einen Mörder.

Der einzige Mord, für den er in Frage kommt, war wohl lediglich ein Selbstmord, auch wenn wie bei Barschel mehr hinein interpretiert und spekuliert wurde.

Auch die Umsturzpläne, die man der P2-Loge vorgeworfen hatte, sind wohl eher ins Reich der Legenden anzusiedeln und konnten (trotz der ihm gegenüber ausgesprochen verurteilungsfreudigen Richter) vor Gericht nicht nachgewiesen werden.

Verurteilt werden konnte Gelli lediglich für das Legen von „falschen Fährten“, mit denen er angeblich die Urherberschaft für den Anschlag von Bologna verschleiern wollte.

Der SISMI-General Santovito und die beiden Offiziere Musumeci und Belmonte, welche die falschen Beweismittel deponiert hatten, waren zwar tatsächlich in der P2-Loge eingeschrieben.

Die durch den SISMI beschafften Zeugen und Beweismittel hätten jedoch gerade ihren eigenen Logenmeister Licio Gelli belastet, wie dieser Spiegel-Artikel von 1983 ganz klar zeigt.

Santovito & Co dürften also trotz ihrer offiziellen P2-Mitgliedschaft nicht ihrem großen Logenmeister hörig gewesen sein, sondern ihren echten Vorgesetzten,  Giulio Andreotti und Francesco Cossiga, bei denen es sich im Gegensatz zum Matratzenverkäufer Licio Gelli um die wirklich mächtigen Männer jener Epoche gehandelt hatte.