Als Wien das Todesurteil von Istanbul fällte

Von Amnesty International bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatten sich alle Kräfte des Guten für den mutmaßlichen Drahtzieher von Istanbul stark gemacht:

„Das wäre sein Todesurteil“

„In Moskau wirst du schon reden. Wir haben da unsere Methoden.“ Tschataev kennt sie zur Genüge: Zu Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges sägten ihm die Russen einen Arm ab und „behandelten“ die Wunde mit Elektroschocks. Seiner Familie gelang es, ihn freizukaufen. Noch einmal will er das nicht durchmachen.

(Wiener Zeitung, 06.07.2011)

Ein abgerissener Arm ist nicht gerade die typische Folternarbe.

Die beiden Armstümpfe des österreichischen Briefbombers Franz Fuchs hätten den österreichischen Behörden einen gewissen Hinweis zu den wahrscheinlichen Hintergründen der Verstümmelung des tschetschenischen Asylanten liefern können:

Im Jahr 2003 war es trotzdem nachvollziehbar, Russland eine ethnisch motivierte Verfolgung von Tschetschenen zu unterstellen, zumal Russland damals tatsächlich einen brutalen Rückeroberungskrieg gegen seine abtrünnige Provinz geführt hatte.

Spätestens im Jahr 2008, als das angebliche Folteropfer in Schweden zu einer Haftstrafe wegen eines illegalen Waffentransportes verurteilt worden war, hätte man die Sache mit dem verlorenen Arm und der angeblichen Folter überdenken müssen.

Stattdessen durfte er jedoch auch nach weiteren Verhaftungen wegen ähnlicher Aktivitäten in den folgenden Jahren seinen Asylstatus in Österreich behalten.

Dass kleine Asyl-Beamte, die für die Aufhebung seines Asylrecht zuständig gewesen wären, angesichts der medialen Kampagnen für Herrn Tschataev den Schwanz einzogen hatten, ist allerdings menschlich absolut nachvollziehbar.

Die Auslieferung von Bulgarien nach Russland war vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhindert worden.

Wenn schon die Bulgaren vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt worden waren, warum hätten sich die österreichischen Beamten da noch weiteren Ärger mit Amnesty, Asylanwälten und Medien einhandeln sollen?

Trotz seiner ausgedehnten Reisen und Haftstrafen fand Herr Tschataev genug Zeit, mit seiner (heute immer noch in einem Wiener Gemeindebau lebenden) Frau 5 Kinder zu zeugen.

Um seine Familie durch eigene Arbeit zu ernähren, wäre er natürlich viel zu traumatisiert und invalid gewesen. Daher musste die Familie (wie über 50% der tschetschenischen Asylanten in Österreich) ausschließlich von Sozialleistungen leben.

Für den Dschihad in Syrien war er hingegen fit genug.

Auch für den russischen Knast wäre der Tschetschene wohl ebenfalls zäh genug gewesen.

Eine Auslieferung nach Russland hätte daher keineswegs sein Todesurteil bedeuten müssen.

Seine Nichtauslieferung nach Moskau bedeutete jedoch für über 40 Menschen in Istanbul ein sicheres Todesurteil.

 

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2 Antworten to “Als Wien das Todesurteil von Istanbul fällte”

  1. aron2201sperber Says:

    Nicht jeder Tschetschene ist ein Tschataev

    Herr Tschataev ist aber trotzdem kein Einzelfall, in Wien leben mindestens 200 wie er (und seine Familie):

    https://aron2201sperber.wordpress.com/2015/10/17/das-alpine-hinterland-der-is-kaukasier-2/

    steigt man den Tschataevs nicht bald auf die Füsse, wird es am Ende alle Tschetschenen treffen, die mit den Tschataevs nichts zu tun kaben

  2. aron2201sperber Says:

    Ines Scholz, Journalistin bei der „Wiener Zeitung“, glaubte, Ahmed Tschataev, den mutmaßliche Drahtzieher des Terrors von Istanbul, gut zu kennen:

    „Wir haben große Angst um Ahmed. Er hat vier kleine Kinder, seine Frau ist am Ende“, meint hingegen Ines Scholz, die Tschataev aus Wien kennt. Seit Tagen steht sie in Kontakt mit Amnesty, Human Rights Watch sowie dem Innen- und Außenministerium in Wien, um die Auslieferung des tschetschenischen Oppositionellen zu verhindern.

    http://derstandard.at/1308680393125/Trotz-Asyls-Fall-Israilov-Bulgarische-Auslieferungsplaene

    Tatsächlich kannte sie nur seine Version der Geschichte:

    Dort sägten die Russen ihm als Teil der Misshandlungen seinen verletzten Arm ab und „behandelten“ die Wunde anschließend mit Elektroschocks. Mit einer hohen Geldsumme gelang es der Familie, Tschataev freizukaufen.

    http://www.wienerzeitung.at/weltpolitik/63265_Kiew-Tschetschenischem-Fluechtling-droht-Auslieferung-nach-Russland.html?em_cnt=63265

    Mit einem Minimum an kritischem Geist hätte sie ihm seine Version vom Verlust des Armes nicht so einfach abkaufen dürfen.

    Doch wenn es um eine scheinbar gute Sache geht, gibt es offenbar keinen kritischen Journalismus.

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