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Agenten-Thriller oder ausgeuferte Asyl-Scharade?

Juli 8, 2020

Der ORF ist nach dem Mord in Gerasdorf einem großen „internationalen Politthriller“ auf der Spur, obwohl Opfer und die mutmaßlichen beiden Täter allesamt tschetschenische Asylanten waren:

Ukraine-Connection: Mord an Tschetschenen als Polit-Thriller

Allerdings stand ihm nach drei gerichtlichen Vorstrafen – darunter wegen Schlepperei und Vortäuschung einer mit Strafe bedrohten Handlung – die Aberkennung des Asylstatus bevor. Ein entsprechendes Verfahren war im Laufen. Er hatte gegen die erstinstanzliche Entscheidung, die seine Abschiebung bedeutet hätte, Rechtsmittel eingelegt.

Spekuliert wird nun, ob das mit der Eskalation der Ereignisse zu tun haben könnte. Im April hatte er unter dem Namen „Anzor“ begonnen, auf seinem eigenen YouTube-Kanal Videos zu veröffentlichen – das letzte wenige Tage vor seiner Ermordung. B. wetterte darin gegen das tschetschenische Regime und Kadryow selbst.

Dass diese Kritik allein ihm das Leben gekostet hat, gilt als unwahrscheinlich. Aussagen von Martin B. zuvor bei einem ukrainischen Online-TV-Kanal vom Februar wiegen wohl viel schwerer. Darin behauptet er, er sei 2014 bzw. 2015 mit drei Morden in der Ukraine beauftragt worden.

(ORF)

Was hatte ihn dazu qualifiziert, für die 3 Morde beauftragt zu werden? Hatte er Referenzen als Berufs-Killer?

Wieso hatte er den Auftrag abgelehnt? Woher kam die Schwäche für ukrainische Rechtsradikale?

Warum hatte er die Geschichte nicht gleich 2014 in die ukrainische Öffentlichkeit getragen, als er noch durch Asyl in Österreich gut geschützt gewesen wäre?

Was für eine Reichweite hatte der ukrainische Online-TV-Kanal. Ist es vielleicht wie unser staatliches OKTO-TV, das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?

Warum hat er damit gewartet, bis er wegen krimineller Taten seinen Asylstatus verloren hatte und ihm die Abschiebung nach Russland drohte?

Warum musste er trotz des tollen „Agenten-Thrillers“ zusätzlich noch Kadyrows Mutter beleidigen? Fürchtete er vielleicht, der Agenten-Thriller wäre eine zu dünne Suppe vor dem österreichischen Asylgericht gewesen?

Der österreichische Staatsfunk war auf jeden Fall schwer beeindruckt von der Geschichte. Kritische Fragen zu stellen, sieht der ORF nicht als Aufgabe von Journalismus an. Wichtig ist immer nur die richtige Haltung.

Wären alle so gut wie die ORF-Journalisten, hätte die Ukraine-Geschichte für Asyl ausgereicht, und die Beleidigung von Kadyrows Mutter wäre nicht notwendig gewesen. Letztlich war also der Mangel an richtiger Haltung der österreichischen Behörden schuld am Mord, da sie den Asylanten dazu gebracht hatten, die Geschichte zu steigern und damit Kadyrows Rache auf sich zu ziehen.

Putins Landser″ Kadyrow droht Kritikern | Europa | DW | 22.01.2016