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Kein Schaden durch Identitätsschwindel?

Januar 18, 2021

Mittlerweile sind die Ermittlungen rund um den HSV-Profi ein Politikum. Die Abgeordneten der Linksfraktion der Hamburgischen Bürgerschaft, Deniz Celik und Cansu Özdemir, haben im Fall Jatta eine „Kleine Anfrage“ an den Hamburger Senat gestellt. Sie zweifeln die Verhältnismäßigkeit des Verfahrens an. „Wir finden, dass die Staatsanwaltschaft übereifrig ist und unverhältnismäßig vorgeht“, sagte Celik dem NDR. 

Bakary Daffeh, 2015, Gambia

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Bakery Jatta, 2016, Deutschland

Flüchtling beim HSV: Wird das Alter von Bakery Jatta zum Problem? - WELT

Seit 2019 waren die Vorwürfe zu Bakery Jattas Identität der Öffentlichkeit bekannt (dem HSV vermutlich bereits 2016).

Dass man für die Auswertung jener Fotos jetzt auch noch ein Gutachten eines Universitätsinstituts braucht, zeigt die ganze Dystopie unseres Systems. Um das Offensichtliche nachzuweisen, muss ein unverhältnismäßiger Aufwand betrieben werden. Natürlich trifft es Jatta paradoxerweise nur, weil er als Fußballer Erfolg hatte, während die meisten anderen Identitätsschwindler unter dem Radar bleiben.

Dass Identitätsschwindel ohehin keinen Schaden anrichte, wie Jattas gute Unterstützer behaupten, ist jedoch nicht einmal beim Fußball-Profi Jatta wahr, selbst wenn er mittlerweile ein deutscher Netto-Steuerzahler geworden ist. Bakery Jatta war ein Jahr lang minderjähriger Flüchtling in Deutschland. 50.000 € kostet die Versorgung eines minderjährigen Flüchtlings durchschnittlich im Jahr. Ich bin zwar gegen eine strenge Bestrafung von Bakary Daffeh, der wie viele andere ein System ausgenützt hatte, und nur wegen seines Erfolgs als Profi-Fußballer dabei aufgeflogen ist. Ich bin jedoch für eine Änderung des Systems, das Identitätsschwindel bei der Einreise ermöglicht.

Ein linker Kollege hatte hier das Ausländerrecht einmal als „kafkaesk“ bezeichnet. Auch wenn er es wohl völlig anders gemeint hatte, passt diese Bezeichnung. Streng ist man nur beim legalen Zuwanderungsrecht. Jeder noch so chancenlose Asylantrag kann hingegen jahrelang durchgefochten werden und am Ende gibt es im schlimmsten Fall eine Duldung (weil das Asylverfahren so lange gedauert hat). Sobald es einen Aufenthaltstitel gibt, ist die Beschaffung von Dokumenten aus den angeblichen Verfolgerstaaten auf einmal kein Problem mehr. Länder wie Gambia bestätigen ihren Bürgern dann jede Identität, die sie gerade brauchen.

Obwohl unser Rechtsstaat das Asylrecht ungeheuer ernstnimmt und sich mittlerweile 90% der Verfahren bei den Verwaltungsgerichten um Asyl drehen, muss man nicht einmal die eigene Identität mit einem Reisepass nachweisen, um in den Genuß jenes Systems zu gelangen. „Asyl“ reicht als „Sesam öffne dich“. Eine nachträgliche Abschiebung ist ohne Identitätsnachweis in den meisten Fällen unmöglich. „Kafkaesk“ ist dieses System für alle, die keine unbegrenzte Migration und Islamisierung wollen.