Posts Tagged ‘Cossiga’

Ustica – Neues Urteil ohne neue Beweise

Januar 28, 2013

Die italienischen Justizbehörden sind nach mehrjährigen Ermittlungen zum Schluss gekommen, dass der mysteriöse Flugzeugabsturz einer DC-9-Maschine, die am 27. Juni 1980 von Mailand Richtung Palermo geflogen war, von einer Rakete verursacht wurde. Die Maschine wurde im Mittelmeer unweit der Insel Ustica abgeschossen.

Das Kassationsgericht in Rom hat daher heute beschlossen, dass der italienische Staat die Familienangehörigen der Opfer entschädigen muss, weil er nicht mit ausreichenden Zivil- und Militärkontrollen die Sicherheit des Flugraums garantiert hatte.

Das Zivilgericht von Palermo hat einfach das alte Urteil des Strafrichters Priore recycled, obwohl sein Urteil vom Obersten Strafgerichtshof aus Mangel an Beweisen aufgehoben worden war.

Nun wurde das neue Urteil vom Obersten Zivilgerichtshof bestätigt, obwohl seit dem Urteil des Obersten Strafgerichtshof kein einziger neuer Beweis aufgetaucht ist.

Der Strafrichter Priore, der gegen Offiziere der Aeronautica Militare einen Prozeß geführt hatte, beauftragte ursprünglich ein internationales Sachverständigenteam mit der Untersuchung der Absturzursache.

Als seine Sachverständigen zu dem Schluss kamen, es habe sich um eine Bombe gehandelt, wurden sie von Priore kurzerhand gefeuert. Stattdessen wurde ein italienisches Team eingesetzt, welches seine Ansichten über einen angeblichen Luftkampf teilte. Sie führten Experimente durch, die beweisen sollten, dass es sich nicht um eine Bombe gehandelt haben konnte.

Aus eigener beruflichen Erfahrung weiß ich, dass wenn der Auftraggeber ein Gutachten in einer bestimmten Richtung haben will, er es vom Auftragnehmer auch so bekommt.

Da es sich laut Gutachten seiner Sachverständigen nicht um eine Bombe gehandelt hatte, konnte es sich für den Richter nur um einen Luftkampf gehandelt haben.

Dies brauchte man praktischerweise nicht in Experimenten zu beweisen, da nachdem die Bombe ausgeschlossen worden war, nach Priores Logik nur noch jene Möglichkeit übrig blieb (auch wenn sich seine neuen Sachverständigen nicht einmal darüber einig waren, ob die Absturzursache ein Raketentreffer oder ein Fast-Zusammenprall mit einem Kampfjet war).

Der Richter Priore wollte Gaddafi übringens nicht nur für Ustica die Absolution erteilen, sondern auch für Lockerbie.

Diese absurde Art von Beweisführung hielt vor dem Berufungsgericht nicht.

Wenn Berlusconi nicht mit seinen Vorwürfen der linksideologischen Unterwanderung der Justiz recht gehabt hätte, hätte das Berufungsgericht auch das neue zivilrechtliche Urteil aus Mangel an Beweisen wieder aufheben müssen.

Gerade Berlusconi konnte allerdings bis vor kurzem mit der „historischen Wahrheit“ über Ustica sehr gut leben.

Die richtige Wahrheit zu finden, hätte Berlusconis Geschäften mit Gaddafi wohl schwer geschadet.

Nun ist Gaddafi weg…

…und aus der lukrativen „historischen Wahrheit“ ist ein 100 Millionen teures „Skandalurteil“ geworden, das Berlusconis Verteidigungsminister erfolglos zu bekämpfen versucht hatte.

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Gaddafis treue Freunde

März 11, 2011

Gaddafi grämt sich nun über die Treulosigkeit seines Freundes Berlusconi.

Seine alten italienischen Geschäftspartner waren da um einiges loyaler.

(Andreotti und Cossiga)

Die hatten nicht nur zu ihm gehalten, als er wie jetzt sein eigenes Volk terrorisierte, sondern sie hielten Gaddafi sogar eisern die Treue, als sich sein Terror gegen Italien richtete.

Cossiga und Andreotti waren nach dem Scheitern des Eni-Petromin-Deals mit Saudi-Arabien dringend auf ein neues Geschäft angewiesen, um ihr Parteiensystem zu finanzieren.

Gaddafi sorgte mit seinem günstigen Öl dafür, dass das Tangentopoli-System doch noch „wie geschmiert“ laufen konnte.

Gaddafis geschäftsschädigende Terrorstreiche von Bologna und Ustica konnte man elegant vertuschen, indem man sie der rechtsextremen „Strategie der Spannung“ zuschrieb.

Aus der Differenz zwischen dem günstigen Preis, den Gaddafi seinen „italienischen Freunden“ machte, und dem offiziellen Preis, um den Italien sein Öl über den staatlichen ENI-Konzern bezog, konnten Cossiga und Andreotti bequem das italienische Parteiensystem ein weiters Jahrzehnt finanzieren (auch die PCI, welche von Cossigas Cousin Enrico Berlinguer geführt wurde, bekam wohl ihren Anteil).

Thomas Kram alias „Lothar“

Mai 23, 2010

Thomas Kram

30 Jahre nach dem Anschlag von Bologna ermittelt die italienische Justiz nun doch noch gegen Thomas Kram.

Allerdings in einem Zusammenhang, von dem ich wenig halte:

Nach der neuesten Theorie soll es sich beim Anschlag von Bologna um eine Racheaktion für die Verhaftung eines PFLP-Aktivisten gehandelt haben.

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Das Insiderwissen eines Ex-Ministerpräsidenten und 9/11 Truthers

Dezember 20, 2009

Francesco Cossiga war ab 1959 Staatssekretär im Verteidigungsministerium unter mehreren Regierungen. 1974 wurde er Minister ohne Geschäftsbereich und dann 1975 sowie 1976 bis 1978 Innenminister. Im August 1979 wurde Cossiga schließlich selbst Ministerpräsident.

1983 wurde Cossiga zum Präsidenten des Senats gewählt. Am 24. Juni 1985 wurde Cossiga bereits im 1. Wahlgang mit einer Zweidrittelmehrheit zum Präsidenten der Republik gewählt. Seine Amtszeit endete 1992.

Heute ist Cossiga Senator auf Lebenszeit und sorgt gelegentlich noch durch diverse politische Wortmeldungen für Aufsehen:

Im November 2007 erklärte Cossiga in einem Interview mit dem Corriere della Sera, dass das Video, in dem Osama Bin Laden Drohungen gegen Berlusconi ausgesprochen hatte, in Wahrheit in Berlusconis Mailänder Fernesehstudios gedreht worden sei. Überdies sei es in Geheimdienstkreisen ein offenes Geheimnis, dass die Anschläge vom 11. September 2001 „mit Unterstützung von CIA und Mossad geplant und durchgeführt” worden seien, um Interventionen in Afghanistan und im Irak möglich zu machen.

Die Preisgabe jener angeblich „offenenen Geheimnisse“ durch einen ehemaligen Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten ließ natürlich die Herzen aller 9/11-Truthers höher schlagen. Zum Zeitpunkt seiner Aussagen im Jahr 2007 stand der Senator auf Lebenszeit allerdings schon über 15 Jahre nicht mehr im Zentrum der Macht. Cossiga hat daher wohl kaum irgendein Insider-Wissen, das zu wirklich neuen Erkenntnissen zu 9/11 führen könnte.

Allerdings hatte auch Italien ein 9/11:

Am 2. August 1980 erreichten Italiens bleierne Jahre mit einem Attenat auf den Hauptbahnhof von Bologna, bei dem 85 Menschen getötet wurden, ihren blutigen Höhepunkt – genau zu jener Zeit als Cossiga als Ministerpräsident die höchste Stelle im italienischen Staat innehatte.

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