Posts Tagged ‘Litwinenko’

Augsteins Realitätsverlust

Februar 16, 2016

Eine unheimliche Atmosphäre der Verunsicherung macht sich breit, ein Fin-de-Siècle-Gefühl. Wir sehen uns umgeben von Spionen und Agenten.

Überall Anarchisten, Agitatoren, Terroristen – und Russen. Wir lesen unsere Gegenwart wie einen Roman aus dem viktorianischen Zeitalter: hier das helle Europa, das vernünftig regiert wird – dort das dunkle Russland, das der Gewalt, der Willkür und den Leidenschaften ausgeliefert ist, und das nach unserem Verderben trachtet.

(Jakob Augstein – SPON)

Dass Putin weite Teile der neuen rechten Bewegungen, Parteien und Medien fördert bzw. unterwandert hat, ist kein Roman, sondern die Realität.

Es sind Medien wie Augsteins Spiegel, welche die Voraussetzungen für das (berechtigte) Misstrauen in die „Lügenpresse“ geschaffen haben, das von Putins Medien geschickt aufgegriffen wird.

In Deutschland ist es keineswegs unüblich, dass Taten von den Medien politisch-korrekt verschwiegen werden, wenn sie womöglich ein schiefes Licht auf eine „gute Agenda“ werfen könnten.

Dass sich im Einzelfall die Geschichte eines derartigen Übergriffs tatsächlich als falsch herausstellen kann, ändert nichts an jener deutschen Realität.

Tatsächlich ist es irre, wenn der Außenminister des russischen Großreichs, das nicht weniger als elf Zeitzonen umfasst, sich persönlich in den „Fall“ eines 13-jährigen Mädchens – einer Deutschrussin – aus Marzahn einmischt, die Stress mit ihren Eltern hatte und darum nachts nicht nach Hause kam. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

Es ist „irre“ und ein trauriges Zeichen für den Zustand der deutschen Medien, dass (aus guten Gründen) viele Deutsche russische Propaganda-Medien als vertrauenswürdigere Berichterstatter über Migrantenkriminalität in ihrem eigenen Land wahrnehmen.

Den falschen Alarm, den die russischen Medien im Fall der 13-Jährigen geschlagen hatten,  mit dem seriösen britischen Bericht zur Ermordung Litwinenkos durch Putins Gemeimdienst gleichzusetzen, zeugt jedoch erst recht von Augsteins Realitätsverlust.

Andererseits muss man – wie die Briten – auch erst mal auf die Idee kommen, einen 329-Seiten-starken Bericht zu veröffentlichen, in dem es heißt, Putin habe „wahrscheinlich“ die Ermordung des früheren russischen Agenten Litwinenko gebilligt. Es finden sich darin keine Beweise dafür – stattdessen aber Litwinenkos Behauptung, Putin hatte Sex mit kleinen Jungen.

Egal in welchem System handeln Geheimdienste nie eigenständig, sondern befolgen die Befehle ihrer Regierungen.

Zwar muss Obama nicht jede Abhöraktion persönlich genehmigen, die Tötung Osamas fiel jedoch wohl unbestreitbar in Obamas Kompetenz.

Auch wenn der Mossad einen Hamas-Terroristen ausschaltet, geschieht dies stets im Auftrag der israelischen Regierung.

Litwinenko war jedoch kein Terrorist, sondern lediglich ein Überläufer wie Snowden.

In diversen Romanen und Hollywood-Filmen mag es zwar zahlreiche Snowdens gegeben haben, die von der bösen CIA ermordet wurden, in der Realität waren es jedoch Geheimdienste wie der KGB, die Gegner ihrer Regime im Auftrag ihrer Regime ermordeten.

Litwinenkos Behauptungen, dass Putin die Terroranschläge vor dem Tschetschenien-Einmarsch selbst inszeniert hätte, waren sein Todesurteil.

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Ströbeles Klientel

Mai 3, 2014

Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele hat den Umgang der Bundesregierung mit dem früheren NSA-Computerfachmann Edward Snowden scharf kritisiert. Das von der Regierung in Auftrag gegebene Rechtsgutachten gegen eine Befragung Snowdens in Deutschland sei „ein Stück aus dem Tollhaus“, sagte er im ZDF. „Jetzt will man die Aufklärer kriminalisieren.“

(Zeit)

Ströbele hatte schon als RAF-Anwalt versucht, den Deutschen einzureden, dass es sich bei den RAF-Terroristen nicht um Kriminelle, sondern um politische Gefangene handle.

Die RAF-Verbrecher standen jedoch nicht wegen ihren politischen Ansichten vor Gericht, sondern weil sie im Namen ihrer politischen Ansichten gewöhnliche Verbrechen verübt hatten.

Heute will Ströbele einen nach Russland übergelaufenen amerikanischen Geheimdienstler als „Aufklärer“ verkaufen.

Snowden wird von den USA nicht wegen seines politischen Engagements verfolgt, sondern weil er besonders sensible Daten vom Nachrichtendienst gestohlen und zur Konkurrenz gebracht hat, was in jedem anderen Land der Welt ebenfalls zu Strafverfolgung führen würde (vielleicht abgesehen von Ländern wie Österreich, die sich die Landesverteidigung ohnehin von anderen abnehmen lassen).

Wie Russland mit einem Fall Snowden umgegangen wäre, kann man sich angesichts des Schicksals von Litwinenko leicht ausmalen.

 

Kein Held der Truther

März 6, 2014

Wenn der russische Geheimdienst dasselbe wie die NSA macht, handelt es sich natürlich nicht um einen Abhörskandal, sondern um einen Fall von edler „Internetpiraterie“:

Nach der Veröffentlichung des Nuland-Telefonats (“Fuck the EU!”) ist dies das zweite von pro-russischen Internetpiraten gehackte Telefonat, das die NATO-Kriegshetzer in Schwierigkeiten bringt.

(Jürgen Elsässer)

Wäre Litwinenko ein nach Moskau übergelaufener amerikanischer Agent gewesen, wäre er von der progressiven Welt als Held gefeiert worden.

Stattdessen sorgte nicht einmal seine perfide Ermordung im Exil für große Empörung.

Seine Behauptungen, dass Putin die Terroranschläge vor dem Tschetschenien-Einmarsch selbst inszeniert habe, waren sein Todesurteil.

Obwohl Truther ähnliche Theorien über 9/11 oder jetzt über die Scharfschützen vom Maidan verbreiten, ist Litwinenko kein Held der Truther.

Würde man sich mit dem Schicksal Litwinenkos beschäftigen, würde einem die eigene Freiheit zur (völlig haltlosen) Meinungsäußerung womöglich nicht mehr als Selbstverständlichkeit erscheinen.

Litwinenkos Tee und Arafats Unterhose

November 27, 2012

Putins Agenten vergifteten den Tee eines russischen Dissidenten mit Polonium 210.

Polonium 210 wird fast ausschließlich in Russland hergestellt.

Die Konzentration des Poloniums auf Arafats Unterhose war so hoch, dass es wohl ebenfalls nur aus frischer russischer Erzeugung stammen konnte.

Genauso wie der Mord an Litwinenko nicht ohne Putins Befehl ausgeführt worden wäre, hätten auch die Anti-Israel-Aktivisten nie ohne Putins Einverständnis das Polonium für Arafats Unterhose erhalten.

Mit derselben Skrupellosigket, mit der Putin einen Dissidenten ermorden ließ, liefert er einer blöden Welt, die sich über die Liquidierung eines Osama Bin Laden empörte, jedoch nichts dabei fand, dass Putin einen Mann umbringen ließ, der nicht das Geringste mit Terrorismus zu tun hatte, die gefälschten Beweismittel, die sie sich wünscht.

Putin wird von der antiimperialistischen Welt als Held verehrt, auch wenn seine Herrschaft bis auf den imperialen Machtanspruch nichts mehr mit Kommunismus zu tun hat.

Viel eher besteht eine Kontinuität zur zaristischen Geheimpolizei Ochrana, die auch schon für die Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ verantwortlich war.

Kein „WikiLeaks-Geheimnis“

Dezember 3, 2010

Putin soll vom Mord an Litwinenko gewußt haben.

Das ist allerdings kein WikiLeaks-Geheimnis, sondern konnte schon die letzten Jahre auf Wikipedia nachgelesen werden.

Doch solange es nicht CIA oder Mossad betrifft, hält sich die mediale Empörung über die Drecksarbeit der Geheimdienste in Grenzen.